Seven Sinners – Die Sieben Todsünden ist ein Zusatzband von Mana Project Studio für das bekannteste Rollenspiel der Welt, Dungeons & Dragons 5 Edition und erscheint bei Ulisses Spiele. Die Publikation beantwortet eine zentrale Frage: „Was würde passieren, wenn Abenteurer*innen den sieben Todsünden nicht nur moralisch begegnen, sondern ihren fleischgewordenen Verkörperungen?“ Sich gottähnlichen Wesen zu stellen, hat ja auch eine alte D&D Tradition.
Seven Sinners – Die Sieben Todsünden ist ein kleines, dünnbändiges Meisterstück und zugleich ein Grenzwerk. Es ist durchaus mehr als nur eine Sammlung von Kultist*innen, Dämonen und Artefakten. Es beeindruckt durch mutige Kunst, intensive Themen und die konsequente Materialisierung metaphysischer Laster. Die Sieben Todsünden, vielfach männlich gelesen, sind vielschichtige, ikonische Figuren, deren Machtentfaltung ganze Realitäten deformiert. Die Integration einer achten Herrscherin in Gestalt von Achlys ist dramaturgisch interessant, da es die moralische Struktur des Bandes untergräbt und zeigt, dass selbst der Sieg über das Böse neue Finsternis hervorbringen kann.
Die zentrale Stärke von Seven Sinners – Die Sieben Todsünden, welches mit der 1. Edition (OSR) und der 5. Edition (5e) kompatibel ist, liegt im konsequenten Fokus auf der Materialisierung der Sünden. Jede Sünde wird nicht als abstrakter Wert dargestellt, sondern als greifbare, raumverrzerende Macht, deren Einfluss Kultist*innen, Landschaften und Gesellschaften gleichermaßen entstellt. Die Autor*innen schaffen ein Setting, das ein universelles Gefühl evozieren soll: Die Furcht, schuldig zu sein und dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wenngleich einiges angerissen wird, hat man sich doch gescheut, ins Detail zu gehen.
So herrscht in der Sphäre des Neids Leviathan über ein Reich, in dem jede Person ständig mit einer idealisierten Version ihrer selbst konfrontiert ist. Der Schatten eines „besseren Ichs“ begleitet die Bewohner*innen. Es ist eine psychologische Form des Horrors, der Identität und Selbstwert zersetzt. Die thematische Grundausrichtung führt dazu, dass jede Todsünde ein eigener Mikrokosmos wird, geprägt von metaphysischen Konsequenzen. Es gibt Hunger, der niemals versiegt, Lust, die Identität auslöscht oder auch Stolz, der Individuen in isolierte Monolithen verwandelt.
Die duale Regelunterstützung für 5E und OSR macht den Band flexibel einsetzbar, wenngleich die Qualität der Werte gelegentlich schwankt. Künstlerisch ist das Buch gelungen. Die Illustrationen tragen wesentlich zur bedrückenden Atmosphäre bei. Gleichzeitig verlangt Seven Sinners ein hohes Maß an Verantwortung. Die Themen sind hart, erwachsen und emotional aufwühlend. Session Zero, klare Grenzen und Sicherheitstools, sind bei der Verwendung dieses Quellenbuchs fast eine Voraussetzung. Für Gruppen, die sich bewusst auf diese Art von Horror und moralischer Grenzerkundung einlassen, bietet Seven Sinners – Die Sieben Todsünden jedoch eine interessant Grundlage für intensive, erinnerungswürdige Rollenspielerlebnisse.
Sicherheit am Spieltisch
Die Sicherheit am Spieltisch nimmt in Seven Sinners – Die Sieben Todsünden einen zentralen, aber durchaus kompakten Platz ein. Auf einer klar strukturierten Seite fassen die Autor*innen zusammen, wie sensibel mit den harten Themen des Bandes darunter psychische Belastung, Gewalt, Sexualität, Selbstzerstörung umzugehen ist. Empfohlen werden eine ausführliche Session Zero, sowie Ron Edwards’ „Lines & Veils“, bei denen Linien absolute Tabus markieren und Schleier belastende Inhalte abstrahieren oder ausblenden. Wichtig ist dabei, dass diese Sicherheitsmechanismen jederzeit spontan „gezogen“ werden können. Dieser Abschnitt wirkt kurz, aber ausgesprochen verantwortungsvoll und professionell. Er sollte als unverzichtbare Grundlage dienen, bevor Spielgruppen sich den düsteren Sphären der Sünden widmen.
Die dunklen Risse im Werk
Seven Sinners – Die Sieben Todsünden beeindruckt, verlangt aber auch eine bewusste Auseinandersetzung mit seinen Schwächen. Die Inhalte sind extrem schwer und reichen von expliziter Gewalt über sexualisierte Bedrohungen bishin zu tiefgreifendem psychischem Horror. Diese Themen sind nicht für jede Runde geeignet und erfordern unbedingt eine Session Zero. Trotz reicher Inspiration liefert das Buch keine fertige Kampagne. Vieles muss die Spielleitung selbst ausarbeiten, was den Vorbereitungsaufwand deutlich erhöht. Auch die Regelqualität schwankt. Einige Statblocks sind präzise gestaltet, andere wirken OSR-lastig, unausgewogen oder weniger sorgfältig abgestimmt. Hinzu kommt eine stilistische Tendenz zum Artbook-Charakter. Manche Kapitel sind visuell überwältigend, bieten aber vergleichsweise wenig spielpraktischen Inhalt. Schließlich ähneln sich einige Sphären in Tonalität und Motivik – etwa Hochmut und Gier – was die klare Unterscheidung der Domänen mitunter erschwert und zusätzliche Anpassung durch die Spielleitung erfordert.
Die Sieben Todsünden
Die sieben Todsünden werden in 7 Sinners durch ihre dämonischen und männlich gelesenen Herrscher verkörpert. Sie sind mächtige Entitäten, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Sünde existieren. Asmodeus, Mammon, Beelzebub, Belfagor, Aamon, Leviathan und Luzifer formen ihre Domänen durch metaphysische Präsenz. Lust verwandelt sich in zerstörerische Abhängigkeit, Gier zerfällt zu wertlosem Staub, Völlerei wird zu einem endlosen, alles verschlingenden Magen. Diese Herrscher sind nicht nur ikonische Figuren, sondern lebendige Prinzipien, die ihre Umgebung unaufhaltsam deformieren.
Zu jeder dieser Sphären liefert der Band eine Fülle an spielbarem Material: Kreaturenwerte für 5E und OSR, niedere und hohe Kultist*innen, Relikte, Rituale und die weltverändernden Effekte der jeweiligen Sünde. Besonders eindrucksvoll ist die enge Verzahnung von Fluff und Crunch. Zorn-Eiferer*innen werden stärker, je mehr sie verletzt werden, während Hochmut-Anhänger*innen Attribute anderer stehlen, um sich selbst zu erhöhen. So entstehen Begegnungen, die mechanisch herausfordern und zugleich erzählerisch die Eigenheiten der Sünden verkörpern.
Als übergreifendes Konzept ragt der achte Herr, Achlys – die Verzweiflung – heraus. Sie entsteht erst dann, wenn die anderen Herrscher fallen und die zugehörigen Sünden aus den Herzen der Sterblichen verschwinden. Dieses Fehlen erzeugt ein spirituelles Vakuum, das sich unausweichlich mit Verzweiflung füllt. Die zurückbleibenden Kronen der gefallenen Dämonen sind mächtige Artefakte und zugleich moralische Fallstricke. Sie verleihen gewaltige Kräfte, korrumpieren aber sofort und treiben die Träger*innen dazu, alle Kronen zu sammeln, bis zur möglichen Herbeirufung von Achlys selbst.
Unsere Erfahrung
Für uns war Seven Sinners – Die Sieben Todsünden eine wirklich faszinierende, sehr düstere aber auch fordernde Reise. Gerade weil der Band keine fertige Kampagne enthält, musste ich als Spielleitung selbst Hand anlegen. Also habe ich mir etwas Eigenes zusammengeschrieben, ein wenig an Dantes Inferno angelehnt und mit Elementen aus einer alten Höllen-Abenteuerreihe von mir verwoben. Die sieben Sphären fühlten sich dadurch wie ein persönlicher Abstieg in die Dunkelheit an und die Gruppe hat die bedrückende Stimmung sofort aufgenommen.
Gleichzeitig war es für mich als Spielleiter eine Herausforderung. Das Buch steckt voller starker Ideen, atmosphärischer Details und wirklich stimmungsvollen Gegner*innen, die man sofort verwenden kann. Aber da kaum konkrete Handlungsstrukturen vorhanden sind, musste ich viel improvisieren, Zusammenhänge selbst herstellen und Lücken füllen. Trotzdem war das Material hilfreich. Die Monsterwerte, die düsteren Kult-Beschreibungen und die Texte zu den Sünden haben mir den nötigen Rahmen gegeben, um daraus eine intensive, spannende und manchmal wirklich verstörende Abenteuerreise zu bauen. Seven Sinners – Die Sieben Todsünden hat mir das Werkzeug in die Hand gelegt, meine eigene Version von Dantes Inferno zu erzählen.
Seven Sinners – Die Sieben Todsünden als pdf und als Hardcover ist ein Quellenband für das Rollenspielsystem Dungeons & Dragons von Ulisses Spiele sind seit Juli 2023 erhältlich.