Wie ein leeres Blatt

| 29. Juni 2013 | 2 Comments

Wie ein leeres Blatt (im französischen Original „La page blanche“) von Boulet und Pénélope Bagieu nimmt den Leser mit auf die Suche nach der vergessenen Identität einer jungen Frau mit – und stellt gleichzeitig die Frage, die uns einst auch Christopher Nolan (wenn auch anders) mit Memento gestellt hat: wenn man sich nicht mehr an sich selbst erinnert, ist das eine Tragödie, oder eine Chance?

Wie ein leeres Blatt; Rechte bei Carlsen

Wie ein leeres Blatt; Rechte bei Carlsen

Eine junge Frau schreckt auf einer Parkbank auf, und erinnert sich an alles, bloß nicht an sich selbst. Warum sitzt sie alleine da, was tut sie ausgerechnet in dieser Gegend von Paris, und wie, noch einmal, war ihr Name?
Stück für Stück schafft es die Protagonistin des Graphic Novels, sich selbst zu finden – ihr Name ist Eloïse, sie hat eine Wohnung, einen Job, eine Katze, Freunde. Jede neue Entdeckung wird von Visionen von Möglichkeiten begleitet: wenn sie die nächste Tür aufmacht, könnte sie feststellen dass sie von Aliens entführt worden war oder dass eine geheime Organisation ihr den ominösen Stich am Hals beigebracht hat, um ihr Gedächtnis zu löschen. Jede Telefonnummer könnte eine aufregende Affäre gewesen sein, und das PC-Passwort – war es der Name des Lieblingsstars oder bloß der der besten Freundin?

Die Neuentdeckung der Eloïse wird aber auch von Ernüchterung begleitet – der Lieblingsduft, der Freundeskreis, der eigene Film- und Buchgeschmack wird in Frage gestellt von der neuen Eloïse, die von der alten Eloïse in der dritten Person spricht.

Und so fragt sich die Protagonistin, aber auch die Leserschaft, ist „tabula rasa“ wie es hier gezeigt wird, ein Bruch und eine Tragödie für die Protagonistin, oder ist es vielmehr ein Glücksfall, der ihr erlaubt, sich neu zu erfinden?

Boulet, der für das Szenario verantwortlich zeichnet, erschien bereits im Tchôi des Verlags Glénat, wo auch sein Comic Raghnarok erscheint. Sein Blog Bouletcorp setzt Maßstäbe für Webcomics und erscheint auch gedruckt als Notes. Pénélope Bagieu studierte an der Ecole nationale supérieure des Arts Décoratifs. Ihrem Abschluss folgte eine Reihe von Aufträgen in Werbung und Illustration. Ihre dreibändige Comicreihe Josephine wird in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt. Beide haben mit Wie ein leeres Blatt ein Graphic Novel zum Mitlachen und Nachdenken geschaffen. Die harmonisch übersetzten Texte gehen gut mit den schönen Zeichnungen, und sie zeigen, dass „Memento“ auch mit ruhiger Bildersprache und ohne Explosionen gut funktionieren kann – es ist ein Lesevergnügen.

Wie ein leeres Blatt ist bei Carlsen Comics erschienen.
Wie ein leeres Blatt
85 von 100%
Weltenraum WertungWertung
Positives
Thema das zum Nachdenken anregt
schöne Zeichnungen
stimmige Entwicklung der Handlung
Negatives
wird aufgrund der Größe keine Urlaubslektüre
man fragt sich wozu das Gummiband am Einband da ist

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Category: Comics, TopPost

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Lektorin & Sprachwissenschafterin. Außerdem: Büchervertilgerin & passionierte Kinogängerin. Nintendo-Nerd. Pen-&-Paper-Prinzessin.

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  1. Ich wär so gerne Ethnologin … : Weltenraum | 8. November 2013
  1. avatar Franz sagt:

    Mehr für Mädchen, aber klingt echt lieb irgendwie nach einem tiefgründigen Werk, mit Facettenreichtum und moralischen Anspruch, aber funktioniert das echt als Comic?

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