Trishna

| 9. September 2013 | 0 Comments

Trishnas Familie lebt in Rajasthan, Indien. Ihr Vater wird bei einem Unfall schwer verletzt und Trishna muss ab nun für die Familie sorgen. Der Tourist Jay kümmert sich fürsorglich um sie und besorgt ihr eine Anstellung im Hotel seines Vaters im weit entfernten Jaipur. Trishna bricht auf und sie und Jay kommen sich immer näher…

Trishna DVD Cover. Alle Rechte bei polyband.

Trishna. Alle Rechte bei polyband.

Michael Winterbottom lernte Rajasthan im Norden von Indien bei den Dreharbeiten zu Code 46 kennen und lieben. Er setzt in diesem Film sowohl die Literaturvorlage „Tess of the d’Urbervilles“ um und befasst sich gleichzeitig mit sozialen und kulturellen Umwälzungen im heutigen Indien. Die Buchvorlage dient aber lediglich als Inspiration.

Die wunderschöne Freida Pinto (bekannt aus „Slumdog Millionaire“) ist für die schüchterne, duldsame Trishna, die in den Strukturen der indischen Gesellschaft gefangen ist, eine gute Besetzung.

Trishna wäre gerne aufs College gegangen, aber ihre Familie kann es sich nicht leisten, ihr das Studium zu finanzieren. Als sie bei einem indischen Tanzabend aushilft, lernt sie den Touristen Jay und seine Freunde kennen. Nach dem Unfall ihres Vaters, bei dem sie auch leicht verletzt wird, muss Trishna ihre Familie versorgen und bricht nach Jaipur auf. Die Großstadt ist ihr fremd und sie muss sich erst langsam zurecht finden. Eines Abends, sie war bei einer Hochzeit eingeladen, geht sie alleine nach Hause und wird von zwei Männern verfolgt. Jay erscheint wie aus heiterem Himmel als ihr Retter. Es kommt, wie es kommen muss, schon bald zum ersten Kuss. Unvermittelt kündigt Trishna ihren Job und kehrt zu ihrer Familie zurück. Lediglich erahnen kann man, was sonst noch vorgefallen sein könnte und was Trishnas Gewissen quält. In Mumbai kommen Trishna und Jay nach längerer Trennung wieder zusammen, hier können sie frei als unverheiratetes Paar leben. Trishna nimmt begeistert Tanzunterricht und kann sich eine Karriere als Tänzerin in Bollywoodfilmen vorstellen. Doch Jay will das nicht, sie soll lediglich die Frau an seiner Seite bleiben und von ihm abhängig sein.

Indien befindet sich im Umbruch. Die Bollywood Industrie zeichnet das Bild der modernen, selbstbewussten Frau und schneidet die Konflikte auf teilweise humorvolle Weise schon an. In „Trishna“ wird ein (vielleicht noch realistischeres?) Bild von der Frau, die sich allen Männern fügt, gezeichnet. Sie zerbricht an dieser Selbstverleugnung. Winterbottom spricht in „Trishna“ auch das Phanömen des verharmlosend so genannten „eve-teasings“ an, das in Indien um sich greift. Frauen, auch Touristinnen, werden verbal und körperlich belästigt. Die indischen Medien und auch die Politik sind bereits auf den Plan gerufen. Vergewaltigung in der Ehe ist aber leider noch immer straffrei und zeigt schon, was für ein Frauenbild in Indien noch vorherrscht.

Unverständlich ist für mich auch, wie Jay (Mutter Engländerin, Vater ursprünglich Inder), der wohl mit einem etwas anderen Frauenbild konfroniert worden sein müsste, Trishna immer mehr unterdrückt, wo er ihr doch die Möglichkeiten, die sie nun in der Großstadt frei von den Zwängen ihrer Familie gegenüber hat, zeigen müsste, und nicht noch das schlimmste aus beiden Welten vereint, indem er sie sich selbst überlässt, kalt behandelt, nicht wirklich für sie sorgt, aber dennoch ihre Eigenständigkeit, ihre Träume unterdrückt, und sie zum Dienstmädchen degradiert. Er erfüllt also nicht einmal den „Deal“ vom beschützenden, versorgenden Herrscher.

Seine Transformation vom „Engel“ zum „Teufel“ (Jay vereint die Figuren Alec und Angel aus der Buchvorlage) ist auch nicht ganz schlüssig. Nach und nach scheint er in eine Depression zu rutschen und lässt all seine Frustration an Trishna aus.

Für die Ratlosigkeit aufgrund der Handlung und den Motiven der Hauptdarsteller, entschädigen die wunderschön inszenierten Bilder von den Hotels, ehemalige Paläste mit wunderschönen Wandmalereien und Details und Mumbai nur ein wenig. Auch der Ansatz, kein wirkliches Skript zu verwenden, sondern die Darsteller größtenteils improvisieren zu lassen ist sehr interessant. Freida Pinto hat auch einige Zeit mit ihrer Filmfamilie zusammengelebt, um die Interaktion zu ihnen (LaiendarstellerInnen) möglichst natürlich wirken zu lassen. Das merkt man auch im Film, es wirkt sehr authentisch, die Dialoge wirken auch sehr natürlich.

Die Extras, Interviews und herausgeschnittene Szenen, helfen, den Film besser zu verstehen. Einige Szenen wären für ein besseres Verständnis sehr hilfreich gewesen. Unverständlich ist, warum der Film so verstümmelt wurde, oder warum man nicht zumindest den Film in der extended Version ansehen kann, wo die Szenen in den Handlungsverlauf eingebettet sind.

Insgesamt ein Film, der durchaus schöne Ansätze hat, ein wichtiges Thema aufgreift, aber nicht vollends überzeugen kann.

Trishna ist seit 26. Juli 2013 bei Polyband auf DVD und BluRay erhältlich. FSK 16, 118 Minuten.

Bewertung

PositivesNegatives

  • Musik im Bollywoodflair
  • Drehorte (Paläste, Mumbai etc) gut in Szene gesetzt
  • improvisierte Dialoge, sehr natürliche Umsetzung und Realismus
  • greift gesellschaftliche Probleme im heutigen Indien auf

  • Handeln der Hauptdarstellerin muss mühsam entschlüsselt werden, vieles muss man erraten
  • viele Szenen, die die Handlung schlüssiger machen würden, sind herausgeschnitten worden (in Deleted Scenes aber enthalten)

Rating
63%

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Category: Filme, TopPost

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Kulturell interessiert an Film, Theaterbesuchen und ähnlichem. Sollte ein Stummfilm mit Musikbegleitung aufgeführt werden, bin ich wahrscheinlich dort! Ansonsten halte ich mich mit Lesen, Brettspielen und Pen&Paper Rollenspielen bei Laune. Freu mich schon in einigen Rubriken hier etwas beizusteuern und auf die Rückmeldungen unserer Leserinnen und Leser!

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