Laurence Anyways

| 20. September 2014 | 0 Comments

Laurence sollte glücklich sein, als Lehrer für Literatur hängen ihm vor allem die Studentinnen an den Lippen, er ist erfolgreich als Schriftsteller, seine Beziehung scheint glücklich. Doch er fühlt sich fremd in seiner Haut und alles steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Laurence Anyways - Cover

Laurence Anyways. Rechte bei EuroVideo Medien GmbH.

Kurz nach seinem 35. Geburtstag, von Freunden und Freundinnen gefeiert, ein Buch veröffentlicht, Kurztrip mit seiner Freundin Fred nach New York City gemacht, bricht es aus ihm hervor. Er möchte nicht länger als Mann leben, er fühlt sich fremd im eigenen Körper, er kann so nicht mehr existieren. Fred fühlt sich hintergangen, da ihr bisher geschwiegen hat, steht aber dann dennoch zu Laurence. Die Reaktionen der Familie und Freunde sind auch nicht viel besser. Laurence hat zwar nun eine Entscheidung getroffen, diese aber auch umzusetzen und als Frau in die Schule zu gehen, erfordert jedoch unglaublichen Mut. Die Schülerinnen und Schüler reagieren sehr gelassen, doch nach einiger Zeit formiert sich innerhalb der teils konservativen Elternschaft, die dann auch die Medien befasst, massiver Widerstand gegen seine nicht der Norm entsprechende Lebensweise. Die Schulleitung trennt sich daraufhin von Laurence, steht nicht hinter ihr.

Auch die Beziehung von Laurence und Fred steht bald vor der Zerreissprobe, Fred sehnt sich nach Normalität und Erfolg in ihrer Karriere beim Film, Laurence durchlebt Höhen und Tiefen in seinem neuen Leben. Das Styling ist da sein geringstes Problem…

Für Xavier Dolán, der das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, war der Film beschlossene Sache, als er im Freundeskreis von jemandem hörte, der ebenfalls die Entscheidung traf, nicht länger als sein ursprünglich vorgegebenes Geschlecht leben zu wollen. Das Ergebnis beeindruckt, der/die ZuschauerIn kann sich sehr gut in Laurences Entfremdung und Außenseitertum schon vor dem Umbruch einfühlen. Die Ästhetik und Mode der späten 80er/frühen 90er weckt Nostalgie. Die Geschichte würde auch bei einem Setting in der Gegenwart wohl kaum einen anderen Verlauf nehmen als im Film gezeigt, besitzt also auch für heute noch Gültigkeit.

Die Beziehung von Laurence (gespielt von Melvil Poupaud) und Fred (Suzanne Clément, erhielt für ihre Darstellung 2012 den Cannes Un Certain Regard Award als beste Schauspielerin) ist gut dargestellt, einziger Kritikpunkt ist es, dass Laurence als Hauptcharakter alles überstrahlt. Freds Bedürfnisse und Krisen stehen völlig im Hintergrund und Laurence lässt sich sowohl „als Mann“ als auch „als Frau“ umsorgen und bekochen. Vielleicht soll das aber auch durch das Aufwachsen als Mann kommen, aber darüber nachdenken sollte sie dann auch, wenn schon sonst auch alles bisherige durch sie in Frage gestellt wird, wohl ein blinder Fleck.

Der Soundtrack ist super, er besteht aus klassischen Musikstücken, frankokandischem Pop und anderen Lieder, die Stimmungen und Emotionen wie Bedrohung, Entfremdung, Abgeschnittensein von der Welt sehr gut vermitteln. Vor allem in der Szene, wo Laurence und Fred vereint auf der Île au Noir sind und die bunten Kleidungsstücke (vielleicht als die Konventionen und Verkleidungen gedacht, in die wir uns hüllen um von der Gesellschaft angenommen zu werden) von oben herabfallen wirkt mit dem Soundtrack genial.

Bei den Extras fällt zunächst auf, dass es nur Deleted Scenes gibt. Das relativiert sich jedoch schnell, als der junge Regisseur Xavier Dolán einen im Schnittstudio erwartet und sehr charmant eine große Anzahl von herausgeschnittenen Szenen in den chronologischen Verlauf des Films einordnet und erklärt warum sie nicht oder nicht in der ursprünglichen Form im endgültigen Film gelandet sind. Die ZuseherInnen können hier auch sehr gut hinter die Kulissen blicken. Bei einigen Szenen wäre es schön gewesen, sie im Film zu haben und das Bild komplettiert sich durch diese Szenen mehr, doch der Film ist ohnedies schon etwas länger als übliche Spielfilmlänge und ist hin und wieder etwas behäbig im Fortschreiten der Handlung.

Die Begriffswelt ist nicht unumstritten: Transsexualität erleben Menschen, deren gefühlte Geschlechtsidentität nicht mit ihrem bei der Geburt festgelegten Geschlecht übereinstimmt. Sie streben meist, jedoch nicht immer, eine (mehr oder weniger komplette) Geschlechtsanpassung an, um Empfinden und Körperlichkeit in Einklang zu bringen. Auf ihre bestehende Sexualität hat dies aber keinen Einfluss, was die Bezeichnung aber suggeriert. Deswegen bevorzugen viele den Begriff Transidentität oder vor allem auch Transgender, das Leiden unter dem von der Gesellschaft zugewiesenen sozialen Geschlecht. Der Prozess an Hormontherapie, Psychotherapie, etwaigen Operationen, rechtlichen Schritten und vor allem die Akzeptanz der Außenwelt in der eigentlichen Identität ist langwierig und strapaziös für die Betroffenen. Laurences Erfahrungen im Film sind da ziemlich beispielhaft, obwohl er bzw. dann sie sich dennoch noch in einer privilegierten Position befindet. Die gesetzlichen Bestimmungen sind noch immer völlig unzureichend und unterstützen Menschen in dieser schwierigen Phase des Überganges in ihrem Leben nicht. Die Mehrheitsgesellschaft folgt einer scheinbar naturgegebenen binären Einteilung und viele Menschen sind unglaublich irritiert, verunsichert oder werden aggressiv, wenn sie das Geschlecht einer Person nicht eindeutig zuordnen können, oder fühlen sich gar getäuscht, wenn sie nach einer gewissen Annäherung mehr erfahren.

Der Filmtitel „Laurence Anyways“ weist somit auf etwas Wichtiges hin: Schubladen sind nicht so wichtig, das Innere zählt bzw bleibt, und Laurence bleibt ob als Mann oder Frau dennoch Laurence: Laurence Anyways.

Die bereits angesprochene Länge des Films beträgt 161 Minuten und bietet Text auf Deutsch und Französisch in DTS-HD 5.1. Außerdem sind Untertitel in Deutsch verfügbar. Das Bildseitenformat ist 4:3 – 1.33:1 und der Film ist ab 12 Jahren freigegeben.

Laurence Anyways ist bereits am 23. Januar 2014 bei EuroVideo als BluRay und DVD erschienen.

Bewertung

PositivesNegatives

  • Emotionen der HauptdarstellerInnen werden eindringlich vermittelt
  • Ästhetik
  • grandioser Soundtrack
  • wichtiges Thema gut umgesetzt

  • bedächtiger Fortschritt der Handlung

Rating
85%

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Category: Filme

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Kulturell interessiert an Film, Theaterbesuchen und ähnlichem. Sollte ein Stummfilm mit Musikbegleitung aufgeführt werden, bin ich wahrscheinlich dort! Ansonsten halte ich mich mit Lesen, Brettspielen und Pen&Paper Rollenspielen bei Laune. Freu mich schon in einigen Rubriken hier etwas beizusteuern und auf die Rückmeldungen unserer Leserinnen und Leser!

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