Fake Orgasm

| 9. Oktober 2013 | 0 Comments

Lazlo Pearlman, seines Zeichen Performancekünstler, gibt im Trailer schon zu, dass Kunst ohne zu provozieren oder gar zu schockieren für ihn gar nicht in Frage kommt. Ist dies einfach ein „heißer“ Film (wie der deutsche Untertitel verspricht) oder regt er gar zum Nachdenken an?

Fake Orgasm hat einige kleinere Filmpreise gewonnen, u.a. Bester Film beim Malaga Film Festival, Jurypreis-Beste Doku beim Bangalore Queer Festival.

Zum Vortäuschen des Orgasmus, vor allem durch Frauen, aber auch durch Männer, gibt es unterschiedlichste Studien, eine Studie der Charité von 2004 besagt dass 90% aller Frauen bereits einmal einen Orgasmus vorgespielt haben und vor allem, dass eben diese Frauen lediglich bei 50% ihrer Partner jemals zu einem echten Orgasmus kamen.

Bekanntestes Beispiel einer Thematisierung in Filmen ist wohl die Café-Szene bei „Harry und Sally“.

Fake Orgasm DVD Box

Fake Orgasm
Rechte beim Verleih

In den ersten Momenten holt Lazlo Pearlman, der sich vorher geschminkt hat und dann als eine Art Zauberkünstler auf die Bühne eines Clubs tritt, als Moderator oder Entertainer Freiwillige auf die Bühne, die ihren vorgetäuschten Orgasmus „vortragen“. Ist alles was dieser Film zeigen will, die Täuschung, die in (sexuellen) Beziehungen stattfindet, und kurz zur erläutern warum sie stattfindet?

Nein, nach Eigenaussage geht es nicht um Fake Orgasms an sich sondern darum, die Menschen zum Nachdenken zu bringen über die Welt, in der Vortäuschungen von Orgasmen und Organismen an der Tagesordnung sind.

Wann ist ein Mann ein Mann, wann eine Frau eine Frau? Von der Biologie her, vom sozialen Rollenverhalten her? Wo zieht man die Grenzen? Sind wir nicht alle primär Menschen und dann erst ein Geschlecht? Wieviele Geschlechter gibt es? Wie wichtig ist dieses und welche Eigenschaften sind diesen zugeordnet, welche waren es noch vor 20 Jahren? Und warum eigentlich ist es manchen so wichtig alles in Schubladen und Kategorien einzuteilen?

All diese Fragen weckt der provokant aufgemachte Film in der Zuschauerin/dem Zuschauer. Dies natürlich erst nach dem ebenfalls lustig aufgemachten Einstieg der einem die Täuschungen oder auch Irrtümer in menschlichen Beziehungen erst einmal vor Augen führt.

Diese Täuschungen gibt es natürlich nicht nur „im Großen“ sondern auch in den kleinen Dingen des Lebens. Ständig sind wir, ohne es aktiv zu wollen, jemand anderer, schlüpfen wir in Rollen: im Berufsleben, Verwandten gegenüber und manchmal macht es selbst dem Partner oder engen Freunden gegenüber nicht halt, wollen wir es ihnen recht machen, uns gut stellen, uns gut darstellen…

Der Mensch ist ein soziales Wesen und passt sich mehr oder weniger an sein soziales Umfeld, an die Gesellschaft an. Noch immer, im 21. Jahrhundert, werden Kinder je nach Geschlecht unterschiedlich erzogen, dies geschieht manchmal unbewusst, wird aber seit einiger Zeit sogar wieder forciert. Kinder werden wieder auf rosa und Prinzessinnendasein, Puppen, „hübsch sein“ bzw blau und Autos, Actionfiguren und Bagger eingeschworen. Hier werden früh im Leben Weichen gestellt, und dann wundert frau sich, warum Frauen so gerne Frisörinnen werden (was schlecht bezahlt wird) und Männer toll bezahlte Jobs als Elektrotechniker haben. Sie tun einfach im späteren Leben das, worin sie sich am sichersten fühlen, worin sie von der Gesellschaft fast geleitet werden.

Lazlo Pearlman wirft hier vieles zum Nachdenken auf, auch immer mit einem Augenzwinkern und ohne Menschen zu verurteilen, die noch nicht bereit für seine Offenheit sind.  Mit meiner Rezension möchte ich aber absichtlich nicht alles enthüllen, was im Film wartet, sondern nur ein wenig an der Oberfläche kratzen.

Alles in allem also ein sehr sehenswerter und außergewöhnlicher Film! Abstriche muss man bei der Ausstattung machen: schade, dass es keine spanischen oder auch englischen Untertitel gibt, so hätte ich mir nämlich die lediglich eingesprochene „Synchronisierung“ ersparen können, die originale  Sprachfassung ist nämlich sowohl spanisch als auch englisch, Lazlo Pearlman spricht englisch, andere Mitwirkende sprechen meistens spanisch, da ja auch in Spanien gedreht wurde. Ein Making-of fehlt mir nicht, da im Film selbst dieser bereits erklärt und kritisiert wird, man die Entwicklung des Films hautnah verfolgen kann. Jedoch hätte ich mir mehr Infos über Lazlo Pearlman gewüscht, seine anderen Aktivitäten/Arbeiten, vielleicht ergänzend Kurzdokus, Interviews zum Thema Geschlechteridentitäten oder ähnliches.

Fake Orgasm von Zip Films und Sunfilm Entertainment ist bereits auf DVD und Blu Ray (FSK 16) erhältlich.

Bewertung

PositivesNegatives

  • sehr interessantes Thema tiefschürfend aufbereitet
  • schillernde Hauptperson
  • dramaturgisch gut gemacht

  • Ausstattung - keine erwähnenswerten Extras und keine Untertitel
  • zeitweise schlechte Bildqualität

Rating
78%

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Category: Filme, TopPost

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Kulturell interessiert an Film, Theaterbesuchen und ähnlichem.
Sollte ein Stummfilm mit Musikbegleitung aufgeführt werden, bin ich wahrscheinlich dort!
Ansonsten halte ich mich mit Lesen, Brettspielen und Pen&Paper Rollenspielen bei Laune. Freu mich schon in einigen Rubriken hier etwas beizusteuern und auf die Rückmeldungen unserer Leserinnen und Leser!

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